Verlassen wir unsere Komfortzone und beginnen wir, uns mit "denkenden Maschinen" aktiv auseinandersetzen

24.07.18

Interview mit Herrn Prof. Dr. Christoph Igel, ddn-Vorstandsmitglied und Wissenschaftlicher Direktor des Educational Technology Lab


Herr Prof. Igel, alle sprechen über „Künstliche Intelligenz“ (KI), worum geht es dabei?

Künstliche Intelligenz meint die Abbildung, die Übertragung von menschenähnlichem Verhalten auf den Computer, so dass dieser eigenständig, quasi autonom und intelligent, Probleme bearbeiten kann. Wie ein Mensch eben. Dabei kann der Intelligenz-Begriff durchaus irreführend sein. Es geht bei Künstlicher Intelligenz nicht um den Nachbau menschlicher Intelligenz. Vielmehr versuchen wir in Forschung und Entwicklung menschliche Fähigkeiten wie logisches Denken, Schlussfolgern, Planen, Interpretieren auf den Computer zu übertragen, aber auch das Verständnis etwa für die semantische Mehrdeutigkeit von Wörtern, so dass diese im Kontext im wahrsten Sinne des Wortes verstanden werden. Bislang haben Computer Daten erhoben, verarbeitet, gespeichert. Jetzt geht es darum, dass Computer diese Daten auch verstehen, ihnen Bedeutung zuweisen.


Wird uns ein Computer jemals verstehen?

Warum sollte dies nicht möglich sein? Mir ist kein Naturgesetz bekannt, dass einem Computer oder besser gesagt, einer Künstlichen Intelligenz untersagen würde, besser - man ist geneigt dazu zu sagen, schlauer - zu werden. Insofern wäre meine Antwort recht einfach: Wenn eine Künstliche Intelligenz über das entsprechende Wissen verfügt, also eine entsprechende Wissensbasis hat, halte ich dies durchaus für möglich. Derzeit ist dies in sehr eingeschränkten, begrenzten Themenfeldern ja schon der Fall. In meinem Lab wird zur Nutzung von KI in Arbeits- und Bildungsprozessen geforscht. Und es gelingt mit Methoden und Anwendungen etwa wissensbasierter Expertensysteme, aber auch des maschinellen Lernens bereits heute auf - wie ich finde - beeindruckende Weise, dass es ein gemeinsames Verständnis zwischen Mensch und Computer zu Themen, zu Sachverhalten gibt. Aus Sicht der Wissenschaft ist die KI ja noch eine sehr junge Teildisziplin der Informatik, etabliert in den 1950er Jahren. Würde man sie mit der Entwicklung eines Kindes vergleichen wollen, sind wir noch im sehr frühen Kindesalter. Aber was wird möglich sein, wenn die KI in die Pubertät kommt? Oder gar ins Erwachsenenalter? Kinder lernen, probieren, versuchen, ertasten, erfahren, damit sie die Welt besser verstehen und in ihrer Komplexität erleben und begreifen können. So oder so ähnlich geht es derzeit auch Künstlicher Intelligenz.


Der Computer soll lernen, was wir können. Was machen wir dann?

Wir erleben im Kontext von Industrie 4.0 seit mehr als einer halben Dekade die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, basierend etwa auf Überlegungen zur Plattformökonomie. Dies verändert unmerklich, aber nachhaltig, unsere Arbeits- und Lebenswelt. Und auch unsere Wertewelten. Die Individualisierung von Produkten ist etwa ein Trend, veränderte Kunden-Anbieter-Beziehungen über Online-Plattformen ein anderer. Individualisierung von Produkten, verändertes Kundenmanagement, dies alles induziert und beschleunigt Vielfalt, erzeugt Variabilität in Produkten, in Prozessen. Insofern verwundert es kaum, dass dies substantielle Effekte in unseren Arbeitswelten induziert: weniger Standard in bisheriger, bekannter Art, vielmehr ist nun Flexibilität erforderlich, das Agieren in einer Situation, die Schaffung von Lösungen zu vielleicht noch nicht bekannten oder selten auftretenden Problemen wird damit zum neuen Standard. Wissen auf Vorrat, die bisherige, unsere Bildungs- und Qualifizierungsprozesse bestimmende Maxime, muss daher ergänzt werden um agile Wissensprozesse, neues Wissen, dass in Situationen flexibel nutzbar und einsetzbar ist. In der Wissenschaft wird dies als „in situ“ Wissen bezeichnet. Genau hier können etwa Anwendungen der Künstlichen Intelligenz helfen. Mit ihren Potenzialen gerade bei der Vermittlung von kognitivem Wissen, kann KI zum Helfer von Menschen in agilen Situationen etwa auf dem Shopfloor oder im Büro werden. Oder auch zu Hause. Mensch und KI im Team, KI als „digital companion“, als Begleiter und Assistent, das kann doch eine ganz prima Sache für uns alle werden.


Der Begriff der „Assistenzsysteme“ klingt für manche nach Rollator…

Ich höre derartige Vergleich immer wieder. Es klingt ganz oft irgendwie nach „Gehen mit Krückstock“, nach „Leben mit Hilfe“. Als wären Menschen per se beeinträchtigt und KI nun der allwissende Übermensch. Diese Metaphorik wird der Sache nicht gerecht, ganz im Gegenteil, ich warne davor: Bilder werden in den Köpfen von Menschen erzeugt, die Ängste und Befürchtungen schüren, vielleicht sogar Abhängigkeiten suggerieren, um die es nicht geht, nicht gehen kann. Worum geht es bei Assistenzsystemen nun faktisch? Die Idee von Assistenzsystemen ist nicht neu, vielmehr bestehen Systeme, die dem Menschen nütze sind, ihn unterstützen, ihm eben ein Assistent sind, schon seit vielen Jahren. Gemeint sind Technologien und Techniken, die Menschen in irgendwelcher Form etwa bei der Arbeit und bei Qualifizierungsprozessen unterstützen. Das Spektrum ist weit: vom Ausgleich von Beeinträchtigungen einerseits bis hin zur Unterstützung beim Check eines Computer-Prozessors auf Funktionsfähigkeit andererseits. Meine Erfahrung aus Theorie und Praxis ist überwiegend eine positive: wenn Menschen den für sie möglichen Nutzwert von Assistenzsystemen verstehen und erleben, finden diese sehr schnell Akzeptanz und werden genutzt.


Werden die Menschen lernen, mit „denkenden“ Maschinen zu arbeiten?

Technologische Innovationen induzieren Veränderungen in unserem Leben, die wir nun wieder mit technologischen Hilfsmitteln begreifbar und verstehbar machen müssen, um Akzeptanz zu schaffen. Wenn man darüber nachdenkt, kann man diese Situation als ein gewisses Paradoxon wahrnehmen. Dennoch ist meine Antwort klar: ja - wir werden in vielen Bereichen unseres Lebens lernen, mit intelligenten Maschinen, smarten Dienstleistungen, mit Künstlicher Intelligenz zu kooperieren. Im Übrigen tun wir dies bereits heute, an vielen Stellen, es ist uns nur nicht bewusst. Wir erleben derzeit eine Zuweisung von Aufmerksamkeit und Bewusstsein zu Dingen, die wir schon längst akzeptiert haben – es war uns vielleicht nur nicht so richtig bewusst, was die technologische Grundlage dafür ist. Beim Autofahren, beim Einkaufen in der City, bei der Reiseplanung und beim Online-Shopping. Beim Lernen im Internet, beim Sporttreiben mit digitalen Hilfsmitteln, bei der Planung meiner nächsten Ikea-Einrichtung oder bei der Konfiguration meines neuen Fahrrads im Shop um die Ecke.

Man könnte sagen, wir transferieren das Unbewusste ins Bewusste. Wenn wir dies nicht verstehen, müssen wir es erfahrbar und erlebbar machen. Wir dürfen keine Ängste entstehen lassen, wir haben eine quasi aufklärerische Lebensphase vor uns, in der Bildung, das Wissen und die Reflexion über das bislang Unbewusste der Schlüssel für unsere Zukunftsgestaltung sein wird. Die vom Bundesministerium für Bildung und Arbeit stimulierten Lern- und Experimentierräume sind etwa ein Ansatz und Beitrag dazu, dass Menschen sich mit den aktuellen Entwicklungen beschäftigen können. Und es gibt bereits viele weitere Möglichkeiten, ob in Unternehmen, durch Volkshochschulen oder Gewerkschaften, durch Sportvereine oder in Hochschulen und Forschungsinstitute, sich damit intensiv auseinanderzusetzen. Ziel ist es, in geschützten Räumen neue Entwicklungen zu erproben, zu erleben, dort kann man herausfinden, wie es sich anfühlt und wie diese funktionieren. Das ist eine prima Basis für einen positiven Transfer in das eigene Lebens- und Arbeitsumfeld. Oder eben auch für eine eher verhaltene Reaktion, die dann aber sachlich begründet ist, und nicht nur aus dem Bauch heraus getroffen wird.

Auf eine, wie ich denke zentrale Frage haben diese Möglichkeiten keine Antwort: Werden wir alle neugierig und hinreichend motiviert sein, uns mit „denkenden Maschinen“ zu beschäftigen, auseinanderzusetzen? Sind wir bereit und willig, unsere Komfortzonen zu verlassen und uns dieser Aufgabe zu stellen?