It works: Arbeit, Teilhabe & Künstliche Intelligenz für Menschen gestalten

05.10.18

Der Veranstaltungsort der Zentralveranstaltung des bundesweiten ddn-Aktionstages 2018 in den Räumen der Vertretung des Saarlandes beim Bund war offenbar mit Bedacht gewählt. Das machten der Staatssekretär des Saarlandes Jürgen Lennartz und der ddn-Vorstandsvorsitzende Rudolf Kast ganz schnell klar. Das Saarland ist in Sachen Digitalisierung schon länger unterwegs. Schließlich war es Deutschlands kleinstes Flächenland, das die erste papierlose Kabinettssitzung durchführte. Und mit Strukturwandel, Internationalität und Breitband sind die Saarländer längst vertraut. So hielt schon der Auftakt, was Rudolf Kast ankündigte: Hier wird auf Praxisnähe und Austausch gesetzt.

Der Auftritt von Dr. Julia Borggräfe, Leiterin der Abteilung Digitalisierung und Arbeitswelt im Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), war trotz erkältungsbedingter Angeschlagenheit ein weiteres Ausrufezeichen. Formal und inhaltlich setzte sie in Ihrer Keynote „Strategische Ansätze zur Arbeit und Digitalisierung“ frische Akzente. Mit einem Vortrag aus der Mitte des Auditoriums und sehr plastischen Schilderungen dessen, was das BMAS so alles vorhat, war sofort allen klar: Da tut sich was in Sachen Arbeitswelt der Zukunft.

Noch konkreter wurde es in den drei Themenforen über Künstliche Intelligenz und Assistenzsysteme, Vielfalt, Teilhabe und Digitalisierung sowie Experimentier- und Lernräume der Arbeit.

 

Natürliche Intelligenz vs. Künstliche Intelligenz

Prof. Dr. Christoph Igel vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), Wissenschaftlicher Direktor des Educational Technology Lab und Sprecher des Berliner Standortes des weltweit größten KI-Forschungszentrums, thematisierte die Herausforderungen von Künstlicher Intelligenz und intelligenten Assistenzsystemen für Arbeit und Qualifizierung. Zwei Entwicklungen haben nach Einschätzung des bekannten Wissenschaftlers das Thema KI in den letzten Jahren boomen lassen, technisch wie gesellschaftspolitisch: Das Internet der Dinge mit dem damit verbundenen rapiden Anstieg der Datenmengen. Überall finden sich heute Rechner, von der Waschmaschine bis zum Fahrrad, überall wird gerechnet und gesteuert, alles ist vernetzt. Die zweite Entwicklung macht es möglich, die gewaltigen Datenmengen zu verarbeiten und sinnvoll zu verknüpfen. Es sind neue Prozessorentypen, die seit einigen Jahren die Welt des Big Data revolutionieren. „Seither gibt es eine gesellschaftliche Debatte, die häufig von Unkenntnis und Übertreibungen geprägt ist“, beschreibt Prof. Igel die Lage in Deutschland, aber auch international.

In der Versachlichung der öffentlichen Diskussion, der Gestaltung der Herausforderungen für die Arbeitswelt sowie in der Aufklärung der Bürgerinnen und Bürger sieht er eine der Hauptaufgaben für die Politk, aber auch für die Wissenschaft. Denn beides stimme: die Welt stecke mitten in einem gewaltigen Umbruchprozess, der alle Bereiche unseres täglichen und beruflichen Lebens umfasst. Kaum eine Berufsgruppe sei davon ausgenommen, selbst Ärzte und Hochschullehrer seien perspektivisch betroffen. Natürlich stellten sich Fragen, wie vor allem ältere Menschen damit klarkämen. Aber es gebe auch sehr viele Vorteile durch höhere Produktivität und Arbeitserleichterungen, die gestaltet werden müssten. Wie kommen die Vorteile der Älteren besser zur Geltung? Wie geht man mit durchbrochenen Erwerbsbiografien um? Fragen, für deren Beantwortung das 1988 gegründete DFKI die nötigen Grundlagen und Ansätze liefern kann und soll. Prof. Christoph Igel berichtete beispielhaft von der Arbeit des DFKI selbst. Es werde immer wichtiger, auch ältere Wissenschaftler einzubinden und mit ihnen zu diskutieren, ebenso aber auch die Krativität und Unbekümmertheit der nachwachsenden Generationen aus allen Kulturkreisen und Bildungsschichten zu nutzen. Ihre aller Erfahrungen seien nicht zu ersetzen.

 

Ingenieur oder Kommunikator, wer wird künftig gebraucht?

Wie Umbruchprozesse in Zeiten von Globalisierung, KI und Digitalisierung praktisch gestaltet werden können, zeigt sehr anschaulich der Blick ins Innenleben eines der deutschen Global Players. Torben Andrasch gewährte einen Blick in den „Maschinenraum“ der Daimler AG. Der Stuttgarter Automobilkonzern steckt mitten einem tiefgreifenden Beteiligungs- und Strategieprozess, bei dem rund 60.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der deutschen Produktionsstandorte aus dem Personenfahrzeugbau eingebunden sind. Begleitet wird das Ganze von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der RWTH Aachen. Die Fragestellung ist komplex. Wie sehen die Produkte aus, mit denen Daimler auch in Zukunft auf den Märkten erfolgreich sein wird? Welche Mitarbeiter werden in welchen Produktionsprozessen wie arbeiten? Wie sehen die Fertigungshallen aus? Welche Qualifikationen werden künftig gebraucht? Wer bildet die Menschen aus, wie werden sie gegebenenfalls weiter qualifiziert? „Es gilt, Prozesse so zu organisieren, dass möglichst wenige fordernde körperliche Tätigkeiten ausgeführt werden müssen, um ein Fahrzeug zu bauen“, erläutert Torben Andrasch. Klassische Ingenieur-Kompetenzen träten künftig immer weiter in den Hintergrund. Gefragt seien vielmehr Soft Skills wie Teamgeist, Kommunikationsfähigkeit und Chorgeist, um komplexe Lösungen in der Gruppe von Menschen mit unterschiedlichsten Fähigkeiten und Erfahrungen zu entwickeln. Daimler setzt dabei auf einen umfassenden Kommunikations- und Evaluierungsprozess, für den sogar eine eigene Software programmiert wurde. „Die Entwicklung hat sich derart beschleunigt, dass zunehmend nicht das eigentliche Fachwissen gefragt ist, sondern die Fähigkeit zu lernen,“ weiß Torben Andrasch. So lägen beim Daimler zwischen der Auswahl der Azubis und deren erstem Einsatz in einer Fabrik mindestens vier Jahre. In dieser Zeit habe die technologische Entwicklung gelerntes Fachwissen häufig bereits großenteils überholt. Ständiges Lernen in der Gruppe mit Raum und Zeit für Irrtum und Modifikation seien deshalb das Gebot der Zukunft. „Da setzen wir an. Es geht zuvorderst nicht darum, Wissen zu erlernen, das im Zweifel rasch veraltet, sondern Lernprozesse zu erlernen sowie das Denken und Agieren in der Gruppe zu schulen.“ Übrigens lernen auch die wissenschaftlichen Institute dazu. Die RWTH Aachen verändert ihrerseits ihre eigenen Ausbildungswege.

 

Breite, Tiefe, Praxis

Markus Müller, Referatsleiter im BMAS, ging sowohl in die Tiefe als auch die Breite. Will heißen, dem Forum „Experimentier- und Lernräume der Arbeit“ gelang es, scheinbare Widersprüche aufzulösen. Zukunft kommt nicht vom grünen Tisch, entsteht nicht am Reißbrett. Sie ist Ergebnis eines fortwährenden Abgleichs von Theorie und Praxis. Wie schaffe ich es, in meinem Unternehmen, neue Wege zu gehen und neuartige Räume zu schaffen, in denen die Beschäftigten und Unternehmensführungen gemeinsam innovative Kommunikations- und Arbeitsprozesse ausprobieren und Erfahrungen anderer auf ihre Situation übertragen können? Denn genau das ist es: Die vertrauten Themen wie Führung und Zusammenarbeit, Wissen und Qualifizierung, Arbeitsgestaltung und Gesundheit, Arbeitszeitmodelle, Vielfalt in Ort und Zeit auf die veränderten Bedingungen hin, die mit der Digitalisierung verbunden sind, zu überprüfen und auf die jeweilige Situation vor Ort anzupassen.

Beides muss zusammenkommen: Die Erkenntnis, dass man nicht selbst jedes Rad neu erfinden muss, und die Einsicht darin, dass die Entdeckung neuer Wege zum Verlassen des vertrauten Terrains führt.

Die Teilnehmenden am Aktionstag hatten die Möglichkeit, ihre eigenen kleinen Experimentierräume beispielhaft zu erproben und anschließend in der Gruppe auszutauschen. Ein Ansatz nicht ganz ohne Hintergedanken, denn das BMAS fördert und bezuschusst Projekte in Unternehmen, die dem gemeinschaftlichen Ansatz folgen und nach neuen Wegen zur Gestaltung der Arbeitswelt suchen. Und manche der Teilnehmenden schienen noch während der Diskussion tatsächlich die Lust zu verspüren, sich mit ihren eigenen Ideen für die nächste Förderrunde zu bewerben.

Diese Mühen haben sich offensichtlich auch beim ddn-Aktionstag 2018 gelohnt. Von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern kamen zahlreiche Impulse und Anregungen, die für die weitere Arbeit des Demographie-Netzwerkes wichtig sein werden, wie Rudolf Kast und Prof. Dr. Christoph Igel abschließend durchaus zufrieden feststellen konnten.

 


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