Gesundheitsversorgung als Standortfaktor?

25.08.18

Interview mit Christine Becker, Salutoconsult, Stv. Leiterin des ddn-Arbeitskreises „Kommunen und Wirtschaft“


Frau Becker, ist Gesundheitsversorgung ein Standortfaktor geworden?

Aus der Sicht von Unternehmen muss man sagen: Mittlerweile ist die gesamte soziale Infrastruktur zum Standortfaktor geworden. Wer Fachkräfte gewinnen will, der muss heute die Lebenssituation der Leute umfassend gedanklich mit einbeziehen. Dabei geht es vor allem um die wesentlichen Grundfunktionen, die ein Standort bieten muss. Und es ist richtig, das betrifft nicht mehr nur Schulen und Kindergärten, sondern auch Ärzte oder Pflegeeinrichtungen. Also ein klares Ja, die Gesundheitsversorgung ist Standortfaktor.

Da kann ein Unternehmen aber wenig machen, oder?

Das ist ja genau der Punkt, an dem wir ansetzen müssen. Natürlich kann ein Unternehmen einer bestimmten Größe einen Kindergarten bauen. Aber es kann keine Ärzte ansiedeln. Und auch die Kommunalverwaltung alleine kann erst einmal nichts ändern. Wir haben es mit einem systemischen Problem zu tun, das in der Sozialwirtschaft auftritt. Niedergelassene Ärzte wiederum verstehen sich in der Regel nicht als Teil der Sozialwirtschaft, eher als Freiberufler und als ganz eigenen Stand. Die Katze beißt sich in den Schwanz. Wie lösen wir das? Indem wir die verschiedenen, voneinander weitgehend unabhängigen Akteure an einen Tisch holen und miteinander verbinden, indem wir die Vorteile von interprofessioneller und themenbezogener Zusammenarbeit verdeutlichen. Das kann die Kommune. Ihre Netzwerkfähigkeit und ihre weitgehende Neutralität den verschiedenen Berufsgruppen, Institutionen und Branchen gegenüber kann ein echter Mehrwert für die Unternehmen sein. Ich verweise immer wieder gerne auf das Beispiel der Odenwald-Allianz, da gibt es sogar von den Kommunen ausgehend Unterstützung für das BGM und ganz konkret für die betriebsärztliche Versorgung der Unternehmen am Standort.


Die Kommune löst also Probleme der Unternehmen?

Nicht alleine. Und es ist auch keine Einbahnstraße. Denn die Kommunen selbst haben ja auch ein Demographieproblem und Nachwuchssorgen was ihre Personalpolitik betrifft. Hinzu kommt mitunter ein gewaltiger Investitionsstau in Gebäuden und technischer Ausstattung. Es wird mehr Kommunen geben, die an sogenannten „Integrierten Ländlichen Entwicklungskonzepten (ILEK) arbeiten müssen, wie es die „Allianzen“ in Unterfranken mit der Unterstützung des dortigen Amts für Ländliche Entwicklung bereits seit einigen Jahren tun. Das ddn hat hierzu jüngst mit den kommunalen Spitzenverbänden eine Kooperationsvereinbarung abgeschlossen. Für uns ist die Kernfrage: Wie kann ein Standort sich attraktiv halten, und  - etwas salopp formuliert - kann die Kommune den Laden zusammenhalten?